Bühne Frei für Nofretete
Kai Michel
Facts (September, 2006)

Der letzte Grabfund im Tal der Könige ist weniger spektakulär als erhofft. Doch die nächste Sensation wartet schon.

Nicht nur als Pharao kann man im Tal der Könige unsterblich werden. 1922 landete Howard Carter dort den spektakulärsten Coup der Archäologiegeschichte: Er entdeckte das Grab des Goldjungen Tutanchamun und ging damit in den Archäologenolymp ein. Seither mühten sich viele Ägyptologen unter der heissen Sonne – vergebens. In mehr als achtzig Jahren wurde keine neue Grabkammer gefunden. Dieses Jahr aber überschlagen sich die Ereignisse. Im Februar stiess ein amerikanisches Forscherteam in unmittelbarer Nähe zu Tutanchamuns Grab auf eine neue Gruft. Ein erster Blick in KV63 (KV steht für Kings Valley) zeigte sieben Sarkophage, einige vergoldet. Sofort ergingen sich die Experten in Spekulationen. Grabungsleiter Otto Schaden vermutete Tutanchamuns Witwe darin; Zahi Hawass, der Chef der ägyptischen Altertumsverwaltung, tippte auf Tutanchamuns Mutter Kija.

Nun will der britische Archäologe Nicholas Reeves noch ein weiteres Grab auf dem Pharaonen-Friedhof westlich Thebens geortet haben. Zwar hat Reeves bloss Bodenradar- Daten, trotzdem bringt er eine prominente Leiche als Herrin von KV64 ins Spiel: Nofretete, Gattin des götterstürzenden Pharaos Echnaton und schönste Frau der Antike. Klappern gehört für Archäologen, die in Ägypten buddeln, zum Handwerk. Sie graben nicht nurvor der Nase neugieriger Touristen, die ganze Welt schaut ihnen zu. Pharaonen, Pyramiden und Sphinxe faszinieren die Menschen rund um den Globus. Sender wie Discovery, Fox oder National Geographic Channel reissen sich um die Rechte. Den Zampano auf dieser Bühne gibt Ägyptens Oberarchäologe Hawass. Er trägt den gleichen Hut wie Indiana Jones.

Unvergessen ist Hawass’ Auftritt bei der Live-Übertragung aus der Cheops-Pyramide im Jahr 2002: Ein Roboter kroch einen engen Schacht empor, um in eine geheime Kammervorzustossen. Dort zeigte sich aber nur eine Steinwand. «Dahinter muss etwas Wichtiges versteckt sein», jubelte Hawass trotzdem. Nichts lockt besser Touristen an als ein neues Geheimnis.

Keine Mumie im Sarkophag

Noch aus jeder Enttäuschung lässt sich Kapital schlagen, auch jetzt bei der Öffnung der Sarkophage aus KV63. «Ich hatte gebetet, dass wir eine Mumie finden», sagte Hawass’ Vertraute Nadia Lokma, Chef-Kuratorin am Ägyptischen Museum in Kairo. «Doch als ich dies sah, dachte ich: Das ist viel besser.» In den Sarkophagen lag keine Liebste Tutanchamuns, sondern ein Gewirr von Blumen, Textilien und Schmuck, wohl die Überreste einer Mumienbalsamierungs-Werkstatt. Wird nun in Grabkammer KV64 das gleiche Theaterstück gegeben? Obwohl Reeves noch keinen Spatenstich tat, kokettiert er schon mit dem glänzenden Namen der Nofretete. Sie würde ihm auch zu gut ins Konzept passen. Vor Jahren sorgte Reeves für grossen Trubel, als er die These vertrat, Nofretete, über deren Ende die antiken Quellen schweigen, habe mit Echnaton den Thron geteilt und ihn als Regentin beerbt. Fände sich nun die Grande Dame des alten Ägypten, könnte das seine Theorie beweisen – und ihn auf die ägyptische Bühne zurückbringen.
Denn Reeves, der als Direktor des Amarna Royal Tombs Project die Gegend rund ums Grab Tutanchamuns sondierte, war 2002 beschuldigt worden, illegal mit Antiken gehandelt zu haben. Zwar hat ein Gericht ihn 2005von allen Vorwürfen freigesprochen, auf die Erlaubnis aber, wieder im Tal der Könige graben zu dürfen, wartet er bis heute. Ob seine Rechnung aufgeht, ist fraglich. Hawass’ erster Kommentar klingt nicht gut: «Es scheint mir, Mister Reeves ist zu sehr auf Publizität aus.» Es bleibt spannend im Tal der Könige.



Sarkophag aus dem Tal der Könige: Der erste Grabfund im Tal der Könige seit 80 Jahren.